Pressedokumentation zum 6. Abrahamsfest

WAZ vom 30. November 2006

Abrahamsohn spricht

Im Rahmen des sechsten Abrahamsfestes Marl wird am heutigen Donnerstag zur nächsten Veranstaltung eingeladen: Von 19 bis 21 Uhr ist Rolf Abrahamsohn in der Fatih-Moschee am Bachackerweg 197 zu Gast.

Rolf Abrahamsohn spricht mit Jugendlichen und Erwachsenen über sein Leben und die Nazi-Diktatur. Abrahamsohn wurde 1925 in Marl geboren. Er ist der letzte jüdische Bürger in der Stadt, der noch in vor Ort in Marl lebt und der die Nazi-Diktatur sowie den Holocaust überlebt hat. Er spricht in der Fatih-Moschee auf Einladung der islamischen Gemeinde und des Abrahamsfestes Marl.

Geplant ist, dass er am heutigen Abend vor allem Jugendliche ansprechen und mit ihnen diskutieren. Auch Erwachsene sind dazu willkommen.

Das sechste Abrahamsfest wird getragen von der Christlich-Islamischen Arbeitsgemeinschaft Marl in Zusammenarbeit mit den Kirchen und Moscheen in Marl, mit der Jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen, dem Integrationsrat und der Stadt Marl sowie weiteren Kooperationspartnern.

Die Veranstalter hoffen auf eine große und interessierte Zuhörerschaft. Eine Voranmeldung zu der Veranstaltung ist nicht notwendig.

faxl

Marler Zeitung vom 27. November 2006

Hülser Muslime als spanische Juden

ZEITREISE: Rollenspiel schickt Jugendliche ins südeuropäische Mittelalter / Wie geht es weiter nach dem schweren Attentat?

Toledo kann überall sein. Zum Beispiel in Hüls an einem Sonntagmittag, oder in irgendeinem anderen Stadtteil. Oder in einer ganz anderen Stadt. Toledo ist da, wo Menschen die Welt durch verschiedene Brillen sehen und darüber reden - reden, ohne zu schreien, reden, ohne die Fäuste zu ballen. Manchmal liegt Toledo natürlich in Südspanien. Das interessiert die Jugendlichen in der Martin-Luther-King-Schule nur am Rande. Ist auch nicht so wichtig.

VON ROBERT KLOSE

Es geht an diesem Tag hinter den Schultüren um ein Spiel, ein erdachtes Geschehen, das nur vordergründig am hintersten Ende von Europa, im 11. Jahrhundert spielt. Im mittelalterlichen Toledo leben jüdische, christliche und muslimische Bürger friedlich zusammen. Die Stadt der Wissenschaft ist berühmt für ihre Übersetzungen, kann sich Engstirnigkeit und interne Querelen nicht leisten. Dann passiert das Unfassbare: Unbekannte, vermutlich junge christliche Fanatiker, haben die Moschee in Brand gesteckt. Sie ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt, Kinder und Frauen wurden schwer verletzt.

Wie soll es nun weitergehen? Kann irgendjemand verhindern, dass die Muslime blutige Rache nehmen - an Christen, die in großer Zahl das Attentat so scharf verurteilen wie sie selbst? Bleiben die geballten Fäuste in der Tasche? Was sollen die Juden denken? Müssen sie befürchten, dass ihr Gotteshaus als nächstes in Flammen aufgeht? Kann die Stadt die Krise bewältigen, oder versinkt Toledo in Chaos und Gewalt?

Ein düsteres Szenario - Fragen über Fragen, die mehr als 30 Jugendliche aus Marl und Recklinghausen beantworten müssen. In dem großen Spiel schlüpfen sie in die Rollen der Juden, der Christen und der Muslime in der Stadt. Männer werden Frauen, Christen werden Rabbis, Muslime sind Katholiken. Die Rollen werden teilweise zugelost, teilweise von den Moderatoren bewusst gesteuert.

Denn: Die jungen Teilnehmer - sie kommen in kleinen Gruppen mit und ohne Erwachsenen-Begleitung - sollen in diesem Spiel nicht das sein, was sie immer sind. Manche der Beteiligten reagieren zunächst mit deutlicher Zurückhaltung, fügen sich dann aber in ihre Rolle.


Abdallah Salam heißt eigentlich Michell Budzinsky

Zum Beispiel Michell Budzinsky: Eben war er noch 14 Jahre alt und Martin-Luther-King-Schüler. Jetzt heißt er Abdallah Salam, ist 43, vierfacher Vater und als Muslim von dem Attentat tief betroffen - das steht auf seiner Rollenkarte, die er zog. Michell hat Glück: Er kann so argumentieren, wie er es auch im wirklichen Leben täte. Er kennt muslimische Jugendliche, hat keine Probleme, mit ihnen ganz normal umzugehen. Trotzdem kann Michell sich vorstellen, dass auch im realen Marl des 21. Jahrhunderts Fanatiker solch eine Tat begehen könnten. Angst hätte er dann, dass der Hass um sich greift: "Dann müsste unheimlich viel geklärt werden - aber mit Worten, nicht mit Fäusten". Das wird er auch den spanischen Muslimen empfehlen.

Das sehen nicht aber längst nicht alle der gespielten Moslems so. Manche rufen laut nach Hinrichtung der Täter und Rache an den Christen, ohne lange zu fragen, ob das Täter-Gerücht überhaupt stimmt. Mal will es die Rolle so, mal wollen es die Rollenspieler so.

Am Ende wird eine knifflige Frage zu beantworten sein: Der spanische König hat der Stadt ausrichten lassen, gerade jetzt, nach dem Attentat, sollten Vertreter aller drei Religionen nach Jerusalem reisen - in jene Stadt, die noch mehr als Toledo die Gläubigen verbindet und für Frieden steht.

Ist das noch möglich? In der Moschee, der Kirche und der Synagoge - im wirklichen Leben Klassenräume des King-Neubaus an der Georg-Herwegh-Straße - rauchen die Köpfe. Die Edelleute beratschlagen, der Bote des Königs wartet auf eine Antwort.

Es geht um die Fähigkeit, trotz aller Gegensätze miteinander zu leben. Der Umweg über die Phantasie und eine erdachte Geschichte ist notwendig, um das Ganze nicht zu einem langweiligen Plauderzirkel werden zu lassen.

Was das erdachte Abenteuer mit der Wirklichkeit zu tun hat, ist offensichtlich. Vertreter verschiedener Religionen leben auch hier in Marl zusammen - heute, nicht vor 1000 Jahren. Vordergründig herrscht Frieden. Hinter den Kulissen gibt es nicht tagtäglich Attentate, aber Rempeleien, viele Anlässe, den Anderen die Freundschaft zu kündigen. Selbst einmal einer der Anderen zu sein - eine ungewohnte, für viele Jugendliche verwirrende Erfahrung.

Erklärtes Ziel des Martin-Luther-King-Lehrers Bernhard Weinmann und der Kölner Pfarrerin Dorothee Schaper, die mit dem Toledo-Spiel durchs Land reist: Die jungen Spieler sollen die Welt auch mal durch andere Augen sehen. Der Ausgang ist dabei stets offen. Der Bote des Königs - gespielt von der Pfarrerin - wartet und wartet. Flammende Appelle hat er (sie) in den Saal gerufen. Der Ausgang des Spiels ist immer offen. Diesmal gelingt der Drahtseilakt: Die Spieler entscheiden sich nach fünf Stunden Diskussion, nach langem Hin und Her für die Reise nach Jerusalem.

Sie wissen: Nur wenn der Frieden hält und die symboträchtige Tour stattfindet, kann die Idee von Toleranz überleben. Dann kann Toledo überall sein. Auch am Totensonntag 2006 in Marl-Hüls.

Marler Zeitung vom 31. Oktober 2006

Brückenschlag mit Abraham

Die Stühle reichten nicht im Pfarrheim St. Josef, so groß war der Besucher-Andrang beim Auftakt des 6. Abrahamsfestes. Keine andere Veranstaltung in Deutschland führt Christen, Juden und Muslime so unmittelbar zueinander.

Gesänge aus den Abrahams-Religionen markierten den Auftakt des Abends. Der muslimische Hoca Süsün, das christliche Duo Ursula August/Almuth Dreier mit TaizéGesang und der jüdische Kantor Isaak Tourgman vollzogen den Brückenschlag nach Noten.

Weiter ging es mit Informationen über die Figur Abrahams, der alle drei Religionen unmittelbar verbindet. Warum das so ist erklärten Tourgmann von der Jüdischen Kultusgemeinde im Kreis Recklinghausen, Pfarrerin Ursula August von der evangelischen Stadt-Kirchengemeinde und Dr. Mehmet Kecik als muslimischer Islamwissenschaftler. Fazit: Abraham wird in den drei Religionen verehrt und bietet sich als gemeinsame Grundlage des Zusammenlebens von Juden, Christen und Muslimen an. Gemeinsame Aussage: Es darf keine Menschenopfer geben, Leben ist zu schützen.

Das Interesse an dieser Auftakt-Veranstaltung sehen die Organisatoren als Beleg für das Interesse an friedlichem Zusammenleben hier vor Ort. Darauf hatte auch die stellvertretende Bürgermeisterin Ingrid Heinen in ihrer Rede zur Eröffnung ausdrücklich hingewiesen.

Marler Zeitung vom 25. Oktober 2006

Mit Abraham über Grenzen gucken

Wenn es um den Sprung über Religionsgrenzen geht, nennen Christen, Juden und Muslime einen Namen: Abraham. Er hat in drei Religionen seinen Platz. Und er ist Namensgeber eines sehr ungewöhnlichen Festes, das am Sonntag zum sechsten Mal beginnt.

Das Abrahamsfest soll einmal mehr Angehörige aller drei Bekenntnisse zueinander führen, ihnen die Möglichkeit eröffnen, trotz aller Gegensätzlichkeiten auch Gemeinsames zu entdecken - die Basis für konstruktive Gespräche, ein wirksames Mittel gegen dumpfe Vorurteile.

Träger der Veranstaltungsreihe, die in weitem Umkreis ohne Beispiel bleibt, ist auch diesmal die Christlich-islamische Arbeitsgemeinschaft am Ort. Sie wird aktiv in Zusammenarbeit mit den Kirchen und Moscheen in Marl, mit der J¨dischen Kultusgemeinde im Kreis Recklinghausen, mit dem Integrationsrat und der Stadt. Weitere Kooperationspartner machen sich außerdem für das außergewöhnliche Fest stark.

Die Eröffnungsveranstaltung des Abrahamsfestes findet am Sonntag statt. Sie beginnt mit Gesängen der Religionen aus Synagoge, Kirche und Moschee. Anschließend geht es um das Thema: "Abraham - damals und heute: Wer war Abraham damals in seiner Zeit? Und was bedeutet Abraham heute für uns in unserer Zeit?" Anstelle des angekündigten Referenten, der verhindert ist, wollen sich sachkundige Persönlichkeiten aus Marl und Recklinghausen (Juden, Christen und Muslime) äußern und miteinander sowie mit den Anwesenden diskutieren.

Das 6. Abrahamsfest steht unter dem Gesamt-Motto: "Wirtschaft und Gerechtigkeit". Die Veranstalter unterstützen damit ausdrücklich die Bestrebungen für "Begegnungen in Marl", "Frieden in der Stadt" und "Stadt ohne Rassismus".

Eröffnung des 6. Marler Abrahamsfestes: Sonntag, 29. Oktober, 17 Uhr im Pfarrheim St. Josef, Bergstraße 117